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Die Attentate in Paris – Gedanken & Gefühle

Die Attentate in Paris – Gedanken & Gefühle

schdmnn

16. November 2015

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Ihr Lieben,

Es ist mit Sicherheit nicht sonderlich einfach, über dieses Thema zu schreiben, aber ich versuche es trotzdem. Mittlerweile habt ihr bestimmt alle von den Anschlägen in Paris gehört. Über Zeitung, Fernsehen oder – wahrscheinlich am einfachsten – über soziale Netzwerke. Denn schon kurz nachdem bekannt wurde, dass es in der französischen Hauptstadt Angriffe auf Zivilisten gegeben hatte, teilten viele ihr Mitgefühl und ihre Gedanken über Facebook, Twitter, Instagram und Co. mit.

Zunächst einmal ein paar Fakten: Am Abend des 13. November 2015 gab es eine Reihe von Anschlägen im Raum in und um Paris. Es begann mit den Explosionen am Stade de France, einem Stadion im Norden von Paris, in dem gerade ein Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand. Kurz darauf wurde einer Massengeiselnahme in der Konzerthalle Bataclan und Schüssen in verschiedenen Cafés berichtet. Insgesamt starben bei den Anschlägen 132 Menschen, rund 350 wurden verletzt, viele davon schwer. Frankreichs Präsident Francois Hollande erklärte noch am Wochenende dem Islamischen Staat den Krieg, nachdem dieser sich zu den Anschlägen bekannt hatte. Nach bisherigem Stand konnten vier der Attentäter als Franzosen identifiziert werden, neben der Leiche eines weiteren Attentäters wurde ein syrischer Pass gefunden. Ein weiterer Verdächtiger überquerte am Wochenende die belgische Grenze und wurde von der dortigen Justiz zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. In Frankreich herrscht der Ausnahmezustand. Viele andere europäische Länder, darunter auch Deutschland, haben ihre Sicherheitskontrollen verschärft (Informationen: www.spiegel.de).

Wer von euch am Freitagabend das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland geguckt hat, wird die Situation in Paris mehr oder weniger live mitgekriegt haben, insbesondere da die Anschlagserie am Stade de France begann. Ich selbst war am Freitag nicht zu Hause und habe es deswegen erst am Samstagmorgen mitbekommen. Zu diesem Zeitpunkt war das Internet bereits überflutet von mehr als nur Informationsbeiträgen von Zeitungen und Fernsehen. Menschen haben ihre Gedanken und ganz besonders ihr Mitgefühl über viele verschiedene soziale Medien zum Ausdruck gebracht. Facebook, Twitter und Instagram sind die Seiten, auf denen es mir am stärksten aufgefallen ist, aber mit Sicherheit gibt es auch andere Netzwerke, über die Menschen sich international ausgetauscht haben. Zu den Posts und Kommentaren fiel mir sofort ein einziges Wort ein: Fassungslosigkeit. Viele haben sich Fragen gestellt. Wer tut so etwas? Wie kann so etwas passieren? Und ich kann sie verstehen.
Wenn wir von Anschlägen im Nahen Osten hören, bedrückt uns das meist. Natürlich, schließlich sind wir Menschen. Und wir bedauern es, wenn andere Menschen sterben. Aber nach einer gewissen Zeit rücken die Geschehnisse, die wir über Zeitung, Fernsehen und Radio erfahren, bei vielen in den Hintergrund. Ich möchte mich da nicht ausnehmen. Auch ich denke eine gewisse Zeit darüber nach, aber irgendwann rückt es in den Hintergrund und es gibt andere Dinge, die mich mehr beschäftigen.
Aber am vergangenen Freitag waren die Anschläge nicht in einem weit entfernten Land, sie fanden in unserem Nachbarland statt. In Paris, einer Stadt, die unter 1000 Kilometer, weniger als 10 Autostunden von uns entfernt liegt. Die Gewalttaten befinden sich auf einmal nicht mehr außerhalb unserer Reichweite, irgendwo am anderen Ende der Welt, sie sind nah. In Europa. Bei uns. Und das macht uns Angst.
Die Angst ist verständlich. Wir haben Angst, die Nächsten zu sein. Denn wenn die Attentäter vor Paris, einer der am besten überwachten Städte in Europa, nicht zurückschrecken, warum sollten sie es vor Berlin, Hamburg oder München tun? Die Attentäter aus Paris sind zwar tot, aber es wird andere geben. Andere, die ihre Ansichten teilen. Andere, die Anschläge verüben werden. Oder?
Ich will nicht bestreiten, dass ich die Angst vieler nicht teile. Ich habe Angst. Und die Tatsache, dass bekannt ist, wer die Anschläge verübt hat, nimmt nicht die Angst. Sie nimmt die Anonymität, aber nicht die Angst.
Ich wage zu sagen, dass es die gleiche Angst ist, die viele nach den Anschlägen am 11. September 2001 verspürt haben. Denn sie waren ähnlich wie die aktuellen in Paris. Und alle fragen sich damals wie heute: Wie kann es möglich sein, in einer Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern einen Anschlag zu verüben, bei dem mehrere Hunderte, wenn nicht sogar Tausende ums Leben kommen? Und das auch noch mitten in der Öffentlichkeit.
Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Vermutlich wird sie kaum einer haben. Aber eigentlich will ich mit diesem Eintrag auch gar nicht auf die Frage nach dem Warum oder die Angst, die viele verspüren, hinaus. Ich möchte auf einen Post hinaus, der aus allen anderen herausgestochen ist.
Ihr kennt bestimmt das Symbol, das ich als Titelbild für diesen Beitrag gewählt habe. Es hat sich in der Nacht von Freitag zu Samstag wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet. Ich habe mich gefragt, wo es überhaupt herkommt, und bin bei meiner Suche auf den französischen Zeichner Jean Jullien gestoßen, der es am Freitagabend als Antwort auf die Anschläge zeichnete, abfotografierte und unter dem Titel „Peace for Paris“ („Frieden für Paris“) bei Twitter postete. Innerhalb weniger Minuten wurde es tausendfach geliked, geteilt und retweetet. Es fand seinen Weg in andere Netzwerke, auf Instagram, Facebook, in Zeitungen und sogar auf die Fassade der französischen Botschaft in Berlin. Aber auch wenn es wahrscheinlich der bekannteste ist, ist es lange nicht der einzige Post, der im Internet seine Runden macht.
Jetzt komme ich also wirklich zu dem Post, von dem ich euch erzählen will. Einerseits, weil er mich sehr bewegt hat, andererseits aber auch, weil ich der Meinung bin, dass in diesen wenigen Sätzen sehr viel von dem steckt, was in unserer Welt gerade falsch läuft.

Der britische Schauspieler Finn Jones postete am Samstagvormittag diese Sätze als Bild bei Instagram:
„It is not Paris we should pray for. It is the world. It is a world in which Beirut, reeling from bombings two days before Paris, is not covered in the press. A world in which a bomb goes off at a funeral in Baghdad and not one person’s status update says „Baghdad“, because not one white person died in that fire. Pray for the world that blames a refugee crisis for a terroristic attack. That does not pause to differentiate between the attacker and the person running from the very same thing you are. Pray for a world where people walking across countries for months, their only belongings upon their backs, are told they have no place to go. Say a prayer for Paris by all means, but pray more. For the world that does not have a prayer for those who no longer have a home to defend. For a world that is falling apart in all corners, and not simply in the towers and cafes we find so familiar.“.

Auf Deutsch besagt der Post:
„Es ist nicht Paris, für das wir beten sollten. Es ist die Welt. Es ist eine Welt, in der Beirut, taumelnd von Bombardierungen zwei Tage vor Paris, nicht in der Presse erwähnt wird. Eine Welt, in der eine Bombe bei einer Beerdigung in Bagdad hochgeht und kein einziges Status Update „Bagdad“ sagt, weil keine einzige weiße Person in dem Feuer gestorben ist. Bete(t) für eine Welt, die eine Flüchtlingskrise für einen terroristischen Angriff beschuldigt. Die nicht anhält, um zwischen dem Angreifer und der Person, die vor der exakt gleichen Sache wegrennt wie du, zu differenzieren. Bete(t) für eine Welt, in der Menschen, die für Monate durch Länder ziehen, ihr einziges Hab und Gut auf dem Rücken, gesagt wird, dass es keine Bleibe für sie gibt. Sprech(t) unter allen Umständen ein Gebet für Paris, aber bete(t) mehr. Für die Welt, die kein Gebet übrig hat für Diejenigen, die kein Zuhause mehr haben, das sie verteidigen können. Für eine Welt, die in allen Ecken auseinander fällt, und nicht nur in den Türmen und Cafés, die uns so vertraut sind.“

In möchte eigentlich nicht sehr viel dazu sagen, außer dass in diesem Post meiner Meinung nach unheimlich viel Wahrheit steckt. Und unheimlich viel, worüber man nachdenken kann. Denn es gibt sehr viele, die aufgrund der Anschläge in Paris auf einmal noch mehr Angst vor den Geflüchteten haben, die nach Europa kommen. Aber wieso? Vier der bisher identifizierten Attentäter waren Franzosen, ein weiterer ist außerhalb des Landes, weswegen bisher noch niemand seine Identität kennt. Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass sich unter den Geflüchteten Terroristen befinden, aber dasselbe gilt für unsere Bevölkerung. Theoretisch könnte jeder ein Attentat planen. Es ist nicht abhängig von Religion, Hautfarbe oder Herkunftsland. Und genauso wie wir nicht alle als Nazis bezeichnet werden wollen, wollen nicht alle Menschen aus dem Nahen Osten als Terroristen bezeichnet werden. Es ist nicht fair, alle über einen Kamm zu scheren. Nicht alle Menschen sind gleich.
Außerdem macht der Post deutlich, was ich schon eher in meinem Eintrag erwähnt habe. Warum verspüren wir umso mehr Mitgefühl, je näher die Betroffenen an uns dran sind? Sind wir nicht alle Menschen? Und ist es nicht in egal welchem Land auf das gleiche Maß bedauernswert, wenn einer von uns stirbt? Insbesondere, wenn es ein Zivilist ist? Auch dazu ist mir wieder etwas aufgefallen. In allen Zeitungen und Online-Beiträgen, die ich gelesen habe, stand, dass unter den Toten ein Deutscher war. Aber wieso? Warum ist es von Bedeutung, dass einer von diesen 132 Getöteten aus unserem Land kam? Die Anschläge sind furchtbar und dass dabei so viele Menschen ums Leben gekommen sind, ist noch viel furchtbarer. Aber erhöht es die Tragweite, zu erwähnen, dass einer von ihnen ein Deutscher war?
Vermutlich. Denn ansonsten würde es nicht in den Artikeln stehen. Für mich persönlich ist es unverständlich, aber es scheint immer noch sehr viele zu geben, für die es wichtig ist zu wissen, ob unter den Toten ein „Landsmann“ ist. Und wenn dem nicht so gewesen wäre? Hätte man dann erleichtert aufgeatmet und gedankt, dass es nicht das eigene Land getroffen hat? Ist denn nur das eigene Land wichtig, nur die „eigenen Leute“? Warum haben die Anschläge in Beirut und Bagdad so wenig Aufmerksamkeit durch die Medien erhalten? Sind sie weniger tragisch als die in Paris? Ist es für uns in Deutschland schlimmer, dass in Paris ein Deutscher gestorben ist, als wenn stattdessen jemand aus einem anderen Land gestorben wäre?
Ich möchte durch diese Fragen nicht zum Ausdruck bringen, dass mich die Ereignisse in Paris nicht bewegen. Das tun sie. Sehr sogar. Ich wünschte, man hätte diese Anschläge irgendwie verhindern können. Genauso wie ich wünschte, wir könnten sämtliche Anschläge auf der gesamten Welt irgendwie verhindern. Denn für mich sind alle gleich. Anschlag ist Anschlag. Ob in Paris, Beirut, Bagdad oder Syrien. Ob zwei Menschen sterben oder zweihundert. Denn Unschuldige sollten nicht sterben müssen.

Was soll mein Post also? Ich kann es euch nicht genau sagen. Ich wollte einfach nur einmal meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Und ich hoffe, ich konnte auch euch zum Nachdenken anregen. All meine Kritik an den Medien soll nicht heißen, dass ich nicht in Gedanken bei den Betroffenen in Frankreich bin. Ich bin bei ihnen genauso, wie ich bei den Betroffenen in Beirut, Bagdad, Syrien und allen anderen Teilen der Welt bin, die Gewalt erfahren und unter dem Wirken terroristischer Gruppen leiden. Die Anschläge in Paris haben unser Auge erneut auf die Brisanz des Themas gelenkt. Aber das ist das Einzige, was daran auch nur ansatzweise als positiv betrachtet werden kann.

Je ne parle bien le français. C’est pourquoi je vais ajouter seulement quelques petites pensées en vôtre langue. Je suis triste et choquée par les attentats à Paris. Personne n’a le droit de mettre fin à la vie de tant de civils. Personne n’a le droit de mettre fin à la vie de quelqu’une autre personne. Personne ne peut remplacer ceux qui sont morts. Vôtre membres de la famille, vôtre amis, vôtre connaissances. Mais je veux que vous sachiez, que je pense à vous et en toutes les autres qui sont victimes d’attaques violentes et terroristes de par le monde.

Text: Marie Will

Bild („Peace for Paris“): Jean Jullien

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