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Wie Lenin (wieder) ins Baikonur kam

Wie Lenin (wieder) ins Baikonur kam

FSJ

22. Oktober 2019

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Ende August begab ich mich mit einem alten Freund auf unsere dritte Iranreise, wir wollten uns diesmal auf die Region am Kaspischen Meer und um Isfahan konzentrieren; um Teheran und Yazd führte natürlich auch diesmal kein Weg drumherum, schließlich wohnen dort Freunde von uns. Warum wir so oft ins selbe Land fahren? Und dann auch noch Iran? Ist da nicht Krieg? Die Menschen dort leben doch in einem repressiven Unterdrückerregime, oder? Diese und andere Fragen bekamen wir im Vorhinein des Öfteren zu hören und sie alle zu beantworten würde hier zu lange dauern. Fakt ist: Es ist ein großes (etwas 4,5 mal so groß wie Deutschland) und abwechslungsreiches Land, es ist eines der sehr wenigen Länder, die man (problemlos) bereisen kann, wenn man sich für Früh- und Vorgeschichte interessiert und die Menschen sind beschämend gastfreundlich.

Die Städte Irans verfügen über eine ausgeprägte Basarkultur, wo man nicht nur alles für den täglichen Bedarf findet, also Lebensmittel, Drogerieartikel und Kleidung, sondern z. B. auch Handwerk, Teppiche, Goldschmuck und „Gebrauchtwaren“. Letzteres ist für mich interessant und für viele Menschen vor Ort unumgänglich, denn mit wenig Einkommen und von internationalen Sanktionen bedrückt wird dort alles geflickt, repariert und ausgebessert, so lange es geht. Daher findet man in oder in der Nähe der Basare meist Händler, die einem gebrauchte Kühlschränke, Trödel und Antiquitäten verkaufen, aber auch den alten Samowar oder die Uhr reparieren. Dort bin ich immer auf der Suche nach alten Schallplatten mit Klassisch Persischer Musik. Wenn, dann sieht man die kleinen sieben Zoll (7“) Platten ohne Cover zu einem Stapel gehäuft und im schlechten Zustand. Das heißt indessen nicht, das sie günstig wären, im Gegenteil: Alles was alt ist verspricht Qualität und ist entsprechend teuer, erst recht wenn es im „Westen“ gefertigt wurde – und das nicht etwa, weil man offensichtlich Tourist von ebendort ist. Made in Germany ist dort halt immer noch ein Versprechen. Um den Preis zu feilschen gehört in diesem Bereich und den Flohmärkten Irans genauso dazu wie bei uns in Deutschland, nur ist die Handelsspanne deutlich kleiner als bei uns. Die, die einem etwas von ihrem „very best price“ erzählen oder für die Kunden extra deren Landessprache lernen, sind auch die, die Touristenpreise haben. Zum Glück beschränkt sich das prinzipiell  und noch mal auf die wenigen Tourihochburgen des Landes. Doch wenn der Durchschnittslohn bei 250€/Monat liegt, machen 5€ mehr oder weniger eben einen gewichtigen Unterschied – und jeder, der selbst schon mal einen Flohmarktstand betrieben hat, wird bestimmt auch schon mal besonders dreiste Angebote bekommen haben und sich mit Entsetzen daran erinnern.

Nachdem wir den Norden erkundet hatten, sind wir über Teheran in einem komfortablen Bus nach Isfahan und dann weiter nach Yazd. Meine Plattensammlung hat schon Zuwachs bekommen, als wir in der schönen Wüstenstadt und unserem letzten Reiseziel ankamen. Mein Kompagnon ließ sich noch zu guten Pistazien- und Safranhändlern führen, so dass ich die Zeit für’s Auskundschaften der Antiquitätenläden und Artverwandter nutzte. Eigentlich hätte ich mir den Aufwand sparen sollen, schließlich war mein Gepäck durch Erwerb allerlei Schönem und Nützlichen schon derart groß und schwer, dass sich jeder weitere Einkauf verbot. Eigentlich. Gucken kann man ja mal. Und da blitze der leicht zugestellte kahle Schädel dann auf einmal aus dem Regal eines kleinen Ladens mit Altem und Älterem, mitten zwischen Bekleidungsgeschäften. Der feste Blick zur rechten, unverkennbar. Da ich schon seit einigen Jahren nicht mehr in Brandenburg lebe, bekomme ich nicht mehr alles mit, was so in der Jukufa und dem HdO passiert. Dass aber die Leninbüste auf dreiste Weise bei einer Schülerparty im November letzten Jahres von der Zapfanlage geklaut wurde, wurde mir erzählt. Kaum ein Gast oder einer vom Barpersonal, der ihm nicht den Kopf liebevoll getätschelt hätte, und in ein ehemaliges Russisches Offizierskasino das heutzutage (immer noch) Veranstaltungen namens „Oktoberrevolution“ spielt, gehört eben auch ein Andenken an Lenin. Die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts machten es möglich, in der entsprechenden WhatsApp-Gruppe kurzerhand nachzufragen, ob der immer noch fehlt und wenn ja, ob Interesse besteht. Es war natürlich nicht dieselbe, allenfalls die gleiche, denn hier handelte sich nicht um eine Bronze, sondern um einen Zinkdruckguss, und ob die Größe stimmt ließ sich auch nur raten. Der Händler rief etwa 8,5 Millionen Rial auf, umgerechnet 65€. Büsten sind nicht mein Metier und bot ihm daher 50. Er lehnte brüskiert ab, das schien keine Verhandlungsbasis für ihn zu sein. In der Kürze der Zeit war aus dem etwa 4000Km entfernten Brandenburg auch keine Preisgrenze zu erfahren, doch es war – natürlich – unser letzter Abend in der Stadt und in etwa 2,5h sollte unser Nachtbus nach Teheran abfahren und so drängte die Zeit. Also tat ich preislich einen großen Verhandlungssprung und bot ihm 60€, er rechnete kurz nach, willigte ein und hob die Gravur auf der Rückseite hervor. Ein russisches Original, Russian President. Glücklicherweise konnte ich in gemischter Währung bezahlen, denn an dem Punkt der Reise hielt ich nicht mehr so viel Rial vor. Daher zückte ich meinen 50€-Schein, der Reserve war, und packte noch 1,3 Mio. Rial oben drauf. Dafür gab es sogar eine Tüte.

Die letzte Hürde war den ganzen Kram in den Rucksack zu bekommen. Die Waage am Flughafen offenbarte mir, dass ich um drei Kilo mit meiner Schätzung daneben lag und noch mal umpacken musste; d. h. noch mehr schwere Sachen zu Lenin ins Handgepäck. Nachtbus verhieß bereits dürftigen Schlaf, um halb fünf in der Früh zu fliegen auch, zumal mit Zwischenstopp in Istanbul. Dort machten wir uns erst auf einer Bank „bequem“ und als wir dort vertrieben wurden in der Moschee des Flughafens. Am späten Freitagvormittag betraten wir dann deutschen Boden.

Willkommen!

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